Die Pille, mein Leben und ich

Am 06. August 2016 habe ich das letzte Mal die Antibabypille genommen. Jetzt, fast ein Jahr später, rastet meine Akne deswegen komplett aus und der Gedanke, deswegen die Pille wiederzunehmen kam zwar auf, verflog aber sehr, sehr schnell wieder.

Wenn man bei der Pille mal von der Funktion als Verhütungsmittel absieht und die reine Wirkung als Medikament betrachtet, ist es schon verrückt, wie unkompliziert man die Pille verschrieben bekommt und wie selbstverständlich man dieses Präparat dann einnimmt.

Das erste Mal habe ich die Pille mit 13 oder 14 verschrieben bekommen. Ich glaube, meine erste Pille war die „Belara“, die ich dann auch einige Jahre, ungefähr bis ich 19 war, genommen habe – und das, ohne groß darüber nachzudenken. Als die Frauenärztin mich fragte, ob ich dann jetzt die Pille nehmen wollen würde bzw. dass dies eben die Lösung für meine Regelschmerzen wäre, hatte ich bereits einige Male meine Menstruation mit solchen Schmerzen erlebt, dass ich mich auf dem Weg aus der Schule nach Hause (knapp 500m Entfernung) auf den Bordstein setzte, weil ich es nicht aushielt, zu stehen oder gar zu gehen. Dass ich das nicht mehr wollte, war klar, und irgendwie hatte die Einnahme der Pille in meiner Welt auch so etwas erwachsenes, wenn nicht gar cooles, auf jeden Fall aber nur positives. Mit der Pille hatte ich zwar nach wie vor noch Regelschmerzen, aber deutlich erträglicher und ich erlebte eine Pubertät mit sehr wenigen Pickeln im Gesicht und regelmäßigem Zyklus – toll, was wollte ich mehr?


Als ich mit 17 den Diabetes und diverse Symptome, die inzwischen der MS zugeordnet wurden, bekam, ging es mir einige Jahre wirklich nicht gut. Ich weiß nicht, ob ich darüber schon einmal geschrieben habe, aber das war eine sehr belastende Zeit, die mich irgendwann zu einem Arzt, der auch Naturheilverfahren anwendete, brachte. Dieser sagte, damit wir überhaupt etwas für meinen Körper tun können, müsse die Pille weg. Obwohl ich immer über alles so sehr nachdenke, mich informiere und austausche, war mir trotz seines Kommentares die Brisanz der Pille immer noch nicht bewusst. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich irgendwie über das Absetzen informiert habe oder ob ich gar mitten im Blister aufgehört habe, sie weiterzunehmen. Aber ich wurde „clean“.

Ich kann weder sagen, ob das damals – wir reden ungefähr von 2010 – zu irgendwelchen Blutzuckereskapaden oder (Selbst-)Wahrnehmungsveränderungen geführt hat. Das, woran ich mich erinnere, war Akne, die ich bekam. Und an der ich verzweifelte. Mein Gesicht war voller Eiterpickel, groß und rot, die manchmal mitten am Tag aufgingen und meine Haare dann im Eiter klebten – Scham ist gar kein Ausdruck für diese Momente. Die Pickel, die ich ausgedrückt habe, haben Aknenarben hinterlassen. Ich fühlte mich eklig, unansehnlich, unwohl und die Dinger taten auch einfach scheiß weh. Trotz Hautarzt und alternativer Medizin half nur eines, die Sache wieder in den Griff zu bekommen: Die Pille. Zwar dachte ich darüber nach, dass das den Behandlungsplan, des anderen Arztes, der durchaus angeschlagen hatte, vielleicht durcheinander bringen könnte, machte mir weiter aber keine Gedanken zu dem Einfluss der Pille auf meinen Körper an sich.
 
Nach der Pillenpause (die muss irgendwas zwischen ein und zwei Jahren gedauert haben) bekam ich von meiner Frauenärztin eine andere Pille als vorher verschrieben. Und es ging mir furchtbar damit. Ich hatte einen schmerzhaften, aufgeblähten Bauch, damit verbundene Verdauungsstörungen und fühlte mich durchgehend wie unter einer Käseglocke. Meine dadurch hervorgerufenen Zweifel an der Pille beschränkten sich auf dieses eine bestimmte Präparat, nicht aber auf die Allgemeinheit der Sache. Einen Telefonanruf später bekam ich ein Rezept für eine Pille, die meiner ersten sehr ähnlich sein sollte: „MonaHexal“.

Es müssen dann also ~4 Jahre gewesen sein, die ich wieder unter Einfluss der Pille verbrachte. Meine Akne ging weg, mein Zyklus war regelmäßig, meine Schmerzen während der Periode meistens erträglich.

Und dann, Anfang 2016, dachte ich das erste Mal darüber nach, was es für ein massiver Eingriff in den Rhythmus des Körpers ist, wenn ich ihm immer Hormone vorsetze. Aber Gedanken hin oder her, ganz ehrlich, die Bequemlichkeit und die als Vorteile empfundenen Auswirkungen auf den Körper, siegten erst einmal.
Dass ich einige Monate später entschied, sie doch abzusetzen, war kein Ergebnis tiefer Überzeugung, mehr ein Test mit dem Vorsatz, einfach wieder weiterzumachen. Der letzte Blister meiner Pillenpackung neigte sich dem Ende und ich las vorher zwar noch ein wenig über die verschiedenen Wege, die Pille abzusetzen (z.B. das Ausschleichen), entschied mich dann aber, einfach nach der letzten Pille kein neues Rezept zu holen.

Doch dieses Mal ging das Absetzen nicht spurlos an mir vorbei – weder physisch noch psychisch. Und während ich ein ganz neues Körpergefühl kennenlernte, was mal gut und mal schlecht war, beschäftigte ich mich immer mehr mit dem Thema Pille und war einige Monate nach dem Absetzen sicher, die Einnahme nicht wieder anfangen zu können. Ich fühlte mich wie ein Raucher, der nach einer Hypnose in einer provokativen TV-Sendung plötzlich absoluten Ekel seinen Zigaretten gegenüber empfand – mir widerstrebte der Gedanke, wie vorher weiterzumachen, komplett.

Zuerst setzen nur gute Veränderungen nach dem Absetzen ein. Ich konnte meine Basalrate deutlich (bis heute über 3 Einheiten) verringern, ich hatte weniger Beschwerden mit meiner Blase (das Gefühl von Harndrang, ohne wirklich auf Toilette zu müssen), es fühlte sich an, als würden alle MS-Symptome nur noch abgemildeter Auftreten, ich fühlte mich mit mir selbst besser. Ich fühlte meinen Körper ganz anders.

Die erste – sehr geringe – Blutung bekam ich 5 Tage nachdem ich normalerweise wieder eine Pille hätte nehmen müssen, für 3 Tage. Danach war 2 Monate lang nichts. Und dann wurde es schlimm.

Mein Blutzucker war so durcheinander, dass ich nicht mehr hinterher kam. Werte unter 200 mg/dl waren trotz erhöhter Basalrate und Korrekturbolus nicht drin. Meine Nächte bestanden aus stündlichem Messen und ich war nervlich wirklich am Ende. 5 Zyklen lang habe ich versucht herauszufinden, wann mein Blutzucker welche Unterstützung brauchte. Das Problem: Mein Zyklus war ja noch gar nicht wieder richtig eingespielt. Es war ein fürchterlicher Kampf und ich wusste nicht, wie ich den gewinnen sollte. Denn hätte ich die Pille doch wieder angefangen, wäre mein Hormonhaushalt ja auch davon wieder verwirrt gewesen und es wäre nicht von jetzt auf gleich wieder alles gut gewesen. Es blieb nur die Option, die Sache irgendwie durchzustehen. Und in der Zeit dachte ich wahrscheinlich täglich: „Ach, hätte ich die Pille bloß nie abgesetzt“, um mir im nächsten Moment selbst ins Wort zu fallen, weil ich wusste, dass ich mir das Leben mit Pille gar nicht mehr vorstellen konnte.



Seit 2 oder 3 Monaten ist der Spuk auf einmal vorbei. Jetzt, wo ich einen ungefähren Plan davon machen konnte, an welchem Zyklustag das Drama begann, gibt es gar kein Drama mehr. Es ist keine zweite Basalrate mehr nötig und ich werde eher von Hypos am ersten Tag der Blutung heimgesucht als von immer erhöhten Werten in den Tagen davor.

Aber ungefähr seit dem Zeitpunkt, an dem der Blutzucker sich einkriegte, dreht meine Haut so richtig auf. Angefangen hat es mit immer mehr Pickeln am Rücken, die ich tatsächlich auch während der Pilleneinnahme hatte. Nur jetzt wurden es richtig große, entzündete Beulen. Zwischendurch bekam ich solche Pickel immer zu Beginn der Periode am Hals, das ist wieder vorbei. Dafür hat sich still und heimlich die Akne wieder im ganzen Gesicht breit gemacht. Von: „Ach, die paar Pickel nehme ich in Kauf“, zu: „Ich ertrage das nicht“, brauchte ich nur ein paar Wochen.
Und jetzt sitze ich hier als kleines Pickelmädchen – und in Wahrheit sind weder meine Pickel noch ich selbst klein. Ich pansche mir jeden Tag Heilerde ins Gesicht, benutze Teebaumölmasken und öffne allzu eitrige Pickel im Gegensatz zu früher mit Komedonenquetschern. Sicherlich würde eine drastische Umstellung meiner Ernährung auch noch etwas am Hautbild verbessern können, aber wie immer ist die Sache mit Essen und Umstellen und mir nicht so leicht. Und die Pickel sind nun einmal JETZT da und sie sollen bitte MORGEN weg sein.
Akne macht so viel mehr mit der Psyche als man von außen glaubt. Objektiv gesehen sind es natürlich NUR Pickel, es ist NUR Haut. Und es ist reine Oberflächlichkeit, sein Wohlbefinden davon abhängig zu machen. Oder?

Als ich letzte Woche einen Termin bei einer Hautärztin machen wollte, lief der Anrufbeantworter mit der Info, dass die Praxis im Urlaub sei. Realistisch gesehen werden auch nach dem Urlaub noch einige Monate ins Land gehen, bis ich dort vorsprechen darf. Und meine größte Sorge ist, dass ihr bester Tipp auch wieder sein wird, die Pille weiterzunehmen.

Selbst mit Akne im Gepäck ist der Vergleich meines Lebensgefühls ohne Pille deutlich besser als mit ihr.

Wenn ihr Geheimtipps gegen Pickel und für ein größeres Selbstbewusstsein habt, schreibt mir unbedingt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen